Programmierung von Muskelgruppen der Pianistenhand beim Üben
Im Allgemeinen wird sehr viel rein motorisch geübt, ohne die
verschiedenen Gedächtnisarten wie optisches, akustisches, funktionales und
haptisches gezielt zu trainieren, bzw. mentales Training durchzuführen. Oder es
wird wie bei Czerny und anderen eine Vielfalt von figurativen Varianten
motorisch durchgeübt. Als weitere sinnvolle Ergänzung des Trainingsrepertoires
möchte ich einige Übungen vorschlagen, die selektiv Muskelgruppen der Hand
trainieren, obwohl die Hand natürlich nie alleine aus dem ganzkörperlichen
Zusammenhang herauslösbar ist. Wichtig ist die neurologische/lernphysiologische
Verarbeitung von Übungen, um ein komplexes Bewegungsmuster präzise abrufbar im
Langzeitgedächtnis zu speichern. Dabei ist die Integration der Handbewegung in
den ganzkörperlichen Ablauf von entscheidender Bedeutung.
Als Basisprogramm müssen alle Parameter eines Tones am
Besten mit einem multisensoriellen
Lernprogramm eingegeben werden, bevor dann höhere Zusammenhänge
zwischen den Tönen bearbeitet werden. Es scheint mir eine ganz folgerichtige
"Bewegungs-Entwicklungs-Physiologie-Lehre" zu geben, die mit
verarbeitbaren Schritten aufeinander aufbaut. Das Wunderkind oder der Begabte
scheint oft Schritte zu überfliegen oder zu überspringen, jedoch muß er sich
irgendwann nach der Pubertät professionell alle Differenzierungsschritte
bewußt und teilweise neu erarbeiten.
Mit dem Begriff der "Übeklammer",
die eine non-stop-Bewegung eines exakt umgrenzten Bewegungsmoleküls bedeutet,
wird ein "stehendes Bewegungsbild" erzeugt, das vom Gehirn als
extrapyramidaler Bewegungsablauf "geschluckt" werden kann.
Für die Musculi Interlumbricales gibt es eine Übung mit
Wanderlagen, die alle seitlichen Stellungsänderungen einprogrammieren.
Die Integration der Bewegungen der Finger-Flexoren und
-Extensoren in eine Polarität zwischen peripher und zentral gesteuertem
Bewegungsablauf muß bewußt gemacht werden. (Unterschied zwischen
"Tastendrücken" und "gestütztem Klavierton"
1) Hand- und Fingerstellungen
Große Bedeutung hat der einzige systematische Fingersatzartikel: Denn erst ein vollkommen
festgelegter Fingersatz kann es ermöglichen, in ein tiefer sitzendes,
"extrapyramidales" motorisches Programm zu kommen.
Impuls- (Erhaltungs-) Satz
Der Pianist muß einige Naturgesetze kennen, so den Impuls-Satz
p=mv und den Impulserhaltungssatz m1v1=m2v2 denn er erzeugt den Ton, indem er dem Hammer mittels der Mechanik einen Impuls
erteilt. Masse 1 ist der Pianist und Masse 2 ist das Klavier. Die Masse des
Klaviers ist konstant (schwer.....), daher ist die Geschwindigkeit des Hammers
das einzige Parameter, das der Pianist beeinflussen kann. Der Pianist arbeitet
also mit seinem Produkt aus Masse und Geschwindigkeit. Hier wird einem neu bewußt,
daß die Hand nur eine kleinere Masse hat und im Zusammenhang mit dem ganzen Körper
zur "Stütze" des Klaviertones beiträgt.
Wenn man einen gestreckten Zeigefinger senkrecht auf die Tasten
aufsetzt und ständig einen Ton repetiert, dabei dann langsam den gestreckten
Finger immer mehr in die waagerechte Position bringt, wird man nach etwa 30 Grad
Abkippen von der Senkrechten schon feststellen, daß man von einem
voll-elastischen Impuls zu einem un-elastischen Impuls kommt, da die weiche
Fingerbeere den Stoß dämpft.
The most important natural law for pianists:
The law of impulse.....
...and the "conservation of momentum":
Handbock
ist ein Begriff, wie ihn die alten Pianisten (z.B: Breithaupt) verwendet
haben. Es bedeutet eine antagonistische Fixierung der Hand und deren Einsetzen
in die Tastatur mittels des Armes bzw. Ganzkörpers. Der Küchenwaagenversuch
stellt eine schöne Antagonisten-Übung dar: Man setze einen andauernd
gestreckten Finger senkrecht auf eine Küchenwaage bei knapp einem Kilogramm und
beginne dann, ihn schräg zu stellen nach vorne, hinten, links und rechts, ohne
daß der Zeiger der Waage seine Stellung wesentlich verläßt. Das Höchste ist
dann das langsame Kreisen in schräger Stellung des Fingers.
Hand flach oder steil?
Ein Beispiel für steil: Der französische Pianist Kalkbrenners ließ die Schüler
einen Stuhl vor die Tastatur stellen, um beim Tonleiterspiel die Hand über die
Stuhllehne gleiten zu lassen, so daß ein Fingerspiel ohne viel Körper damit
trainiert wurde.
Ein Beispiel für flach: Der Pianist Glenn Gould ist dafür bekannt, daß er
sehr tief saß und daher im Allgemeinen eine sehr flache Handstellung
praktizierte bei starkem Fingerspiel.
Wie immer ist auch hier kein Dogma angesagt: Handelt es sich doch um eine
Polarität, die ganz nach den momentanen Erfordernissen einer Stelle sinnvoll
eingesetzt werfden muß!
2) Einfache Bewegungen
Auf dem 4. Kongreß für Musikermedizin in Hannover berichtete ich in einem
workshop über die "Relativitätsformel
des Klavierspiels" Hier wird der dreidimensionale Bewegungsablauf
des Pianisten in drei Partialebenen aufgesplittet: Saggitalebene, Frontalebene
und Horizontalebene. In jeder dieser drei Ebenen wird ein
"Bewegungsatom" als elementare Übung gelernt, jeweils eine kreisende
Bewegung, die ganzkörperlich alles im Bewegungsfluß sein läßt.
Dies ist leider nur im workshop sinnvoll vorführbar.
Gewichtsfortleitung
Die Fortleitung des Körper-Arm-Gewichtes von einem Finger zum nächsten läßt
sich vergleichen mit dem Hin- und Her-Pendeln des ganzen Körpers mit leicht
gespreizten Beinen. Es wäre eine müßige und überflüssige Bewegung, dabei
die Beine aktiv mit gebeugten Knien zu bewegen, sondern es geht um eine einfache
Gewichtsverlagerung.
Das Gleiche gilt für zwei Finger: Man versuche, mit dem 2. und 4.
gestreckten Finger der rechten Hand auf d und f langsam hin- und herzuschaukeln.
Wie im Bild für Frontalebene bei Relativitätsformel des Klavierspiels (Einen
Absatz höher anklicken).
Von einer weißen auf eine schwarze Taste wird noch ein Bewegungsanteil von
Vor nach Zurück überlagert.
3) zusammengesetzte Bewegungen
Geteilte Hand
Der Begriff "geteilte Hand" ist leider längst nicht bei
allen Ausbildungen alltäglich:
Beispiele:
Chopin Etüde op. 25, 1: Eine gute elementare Übung zum Erarbeiten der
Klangperspektive der geteilten Hand, so daß die Melodietöne sich stark von
den Begleit-Tönen absetzen ist die Ansage für jede Note, ob sie laut oder
leise ist. Bei den durchgehenden (Sechzehntel-)Sextolen ergibt sich die
Ansage:
laut-leise-leise-leise-leise-leise---laut-leise-leise-leise-leise-leise---usw.
Schubert Impromptu op. 90, 3: Auch hier sind (Achtel-)Sextolen vorhanden,
die genauso wie bei op. 25, 1 geübt werden können. Eine weitere Übung ist
sinnvoll: die 1. und 4. Note der Sextole mit einer leichten Vor-Rück-Bewegung
zu überlagern. Dadurch wird das Bewegungsmarathon sehr entspannt!
Klangbalance ist bei vielen Pianisten zu sehr vernachlässigt, bedeutet
auch eine wichtige Differenzierung der Stütz-Spannungen verschiedener Finger
in einer Hand: Man übe einen mindestens 6-stimmigen Akkord mit beiden Händen
und hole jeden der Akkord-Töne bei immer neuen Anschlägen einzeln
"heraus". Diese Differenzierungsfähigkeit ist so zu entwickeln, daß
ununterbrochen eine Hierarchie des Klanges gepflegt wird, daß der Pianist und
damit der Hörer ununterbrochen weiß, welcher Ton eines mehrstimmigen Gefüges
der Wichtigste, der Zweitwichtigste, der Drittwichtigste ist.......
4) komplexe Bewegungen
Eine "einfache" C-dur-Tonleiter
mit beiden Händen ist lern-physiologisch eine aufwendige Sache. Dies versteht
man, wenn ein Anfänger damit unterrichtet wird, der das Bewegungsprogramm neu
aufbauen muß.
Beim Arbeiten mit Computerflügel werden alle
"biologischen" Unregelmäßigkeiten enthüllt, die wegen Lagewechseln
und schwarz-weiß-Höhenunterschieden auftreten. Diesen Tatsachen ins Auge zu
sehen und damit möglichst effektiv umzugehen, würde nach meiner Meinung
professionelles Arbeiten bedeuten. Die "mikroskopische"
Betrachtungsweise einer soeben getätigten Aufnahme auf einem Computerflügel im
halben Tempo und auch die optische Betrachtung in einem Sequenzerprogramm, z.B.
mit Cakewalk in der "Piano-Roll"-Ansicht sind meines Erachtens für
professionelle Ausbildung unverzichtbar und müßten eigentlich zur Gründung
eines neuen Fachgebietes, der "Mikro-Pianistik", führen!
Doch es scheint, daß sich die ehrenwerten
PianistenkollegInnen an den deutschen Musikhochschulen vehement dagegen wehren,
dem Computerzeitalter Rechnung zu tragen: Erst etwa sechs von 18 deutschen
Musikhochschulen haben einen Computerflügel, bzw. wenn sie ihn haben, wird er
nicht unbedingt systematisch in den Lehrplan einbezogen. Hier biete ich gerne
meine Beratung an.
5) Wanderlagen
Um die Aneinanderfügung mehrerer Handpositionen, Lagen, zu üben, wird eine
in der Mittelhand verborgene Muskelgruppe gefordert: Die Musculi
interlumbricales.
Die spezielle Übung hierfür sind die "Wanderlagen": Möglichst
viele, aber mindestens einen Finger aufgesetzt lassen und so durch das Stück
hangeln. Hierbei bekommt man disharmonische cluster zu hören; es kommt überhaupt
nicht auf Klang an, sondern alleine auf das Be-Greifen der Lage- und Stellungsänderungen
der Hand.
Dies ist natürlich im workshop besser darstellbar. demnächst
möchte ich ein Notenbeispiel an dieser Stelle noch anfügen.
6) Übe-Klammern
Es gibt immer nur zwei Arten, zu "Üben": Durchspielen oder Üben.
Beim Üben muß ein Abschnitt oder eine Stelle mehrfach wiederholt werden, um
tiefer in die Problematik einzudringen.
Ein Problem
auf das Wesentliche zu reduzieren lernen, wird selten systematisch vermittelt.
Eine Einengung auf das eigentliche Problem stellt die sogenannte "Übe-Klammer" dar: Es wird zwischen den
beiden Notensystemen eine eckige Klammer angebracht, die genau bezeichnet, von
welcher Note bis zu welcher Note das eigentliche Problem steckt. Dies können
Lagewechsel mit Sprüngen sein, oder besonders schwierige Folgen von schwarzen
und weißen Tasten (was immer einen Höhenunterschied bedeutet, der
bewegungstechnisch kompensiert werden muß) oder Vieles mehr.
Der lern-physiologische "Trick" ist nun,
diese Tonfolge von der ersten bis zu letzten Note non-stop zu wiederholen, ohne
auch nur zwischen der letzten Note eines Durchganges und der ersten Note des nächsten
Durchganges innezuhalten. Nur, wenn es eine ununterbrochene Bewegung wird,
entsteht eine Art "stehendes Bewegungsbild", ähnlich einem stehenden
Transversalwellenbild, das dann vom Gehirn sozusagen "geschluckt"
werden kann und zu einem extrapyramidalen Bewegungsablauf verarbeitet wird.
Damit wird der spieltechnische Knoten gelöst. Nach dieser Analyse kann die
Stelle wieder in den größeren Zusammenhang integriert werden und das Stück
zur Resynthese gebracht werden.
7) Fehlerpsychologie
Aus meiner Erfahrung besteht ein komplexes
Bewegungsbild aus einem klar gegliederten hierarchischem Aufbau von
Bewegungselementen.
Es besteht meines Erachtens ein Gesetz der
Fehlerpsychologie: Wenn ich einen neuen Lernschritt mache, kommen bei vorherigen
Lernschritten gerne "alte Fehler" wieder hoch, die ich vorher einmal
gemacht und sogar bereinigt habe.
Darin zeigt sich, wie sehr sich das Gehirn zur
Aufrechterhaltung der Persönlichkeit bzw. zu deren Abgrenzung, gegen neue
Informationen wehrt. Etwas Neues zu lernen ist oft so, wie wenn durch ein
kleines Loch alle Informationen einzeln gestopft werden müßten.
Oft freue ich mich, wenn ich oder der Schüler einen
Fehler machen (natürlich nur bei kleinen....): Denn es zeigt mir nach dem
Gesetz der Fehlerpsychologie, daß etwas Neues gelernt wurde. Selbstverständlich
muß im nächsten Übe-Schritt auch dieser Fehler bereinigt werden.
Schlußbemerkung
Danke, daß Sie bis hierher gefolgt sind. Da
schriftliche Darlegungen immer sehr begrenzt sind, möchte ich jedermann gerne
einladen, zu mir zu kommen (Adresse siehe homepage: oben aufs Logo
klicken) und sich praktisch am Instrument zu informieren, bzw. besteht auch die
teurere Möglichkeit, daß Sie mich zu einem workshop irgendwohin einladen.